Jungfrau Marathon 2017

Posted by on Sep 15, 2017
Jungfrau Marathon 2017

Seit einer Woche lebe ich wieder. Ich geniesse wieder. Ich lache wieder. Ich atme wieder.

Doch der Reihe nach. Angefangen hat Alles im 2014, als mein Mann mit etlichen anderen Läufern die Ziellinie des Jungfrau Marathons auf der kleinen Scheidegg überquerte und ich in seine und die hundert anderen glücklichen Augenpaare sah. Da wusste ich: Das will ich auch erleben. Zu dieser Zeit war es jedoch eher ein heimlicher Traum und ich traute ihn mir nicht laut auszusprechen.

Nach einem weiteren Strassenmarathon im 2016 wurde mir klar, dass sich meine Langsam-bemerkbare-Hüftartrose, mein Gleitwirbel und meine Skoliose wohl nicht im Einklang mit dieser eintönigen Belastung sind. Trotzdem wollte ich noch ein Highlight erleben und der Gedanke an einen Bergmarathon, bei dem die Belastung auf den Bewegungsapparat nicht so stark sind, wurde plötzlich wieder real. Ich überzeugte meinen Mann und 4 Kunden mitzumachen und somit war der Startschuss im Februar 2017 mit der Anmeldung offiziell gefallen.

Die ersten Monate nach der Anmeldung machte ich mir keine Sorgen, das kommt schon gut, irgendwie schaffe ich das schon. Sport ist in meinem Alltag ein ständiger Begleiter und als Bewegungsmensch kann ich sowieso nie ruhig sitzen. Erst im Mai/Juni realisierte ich, dass die Wochen immer weniger werden und die langen, flachen Läufe und lange Bergläufe noch keinen Platz in meiner Agenda gefunden hatten. Auch die drei Wochen Sommerferien in Florida kamen in Bezug auf mein Vorhaben zu einem höchst ungünstigen Zeitpunkt.

Vier Wochen vor dem Startschuss war ich kaum mehr auszuhalten. Ich setzte mich dermassen unter Druck, hatte den Jungfrau-Marathon-Tunnel-Blick und konnte keinen anderen Gedanken mehr fassen. Abwechslungsweise hatte ich Angst, Respekt, Panik… ich war noch chaotischer wie sonst schon und für nichts mehr zu brauchen. Freunde fragten mich, warum ich mir das antue? Warum setze ich mich so unter Druck? Wem oder was will ich etwas beweisen? Genau, auch ich will das Leuchten in meinen Augen sehen beim Zieleinlauf auf der kleinen Scheidegg. Ich will meinen eigenen inneren Schweinehund spüren und meine Grenzen testen.

Eine Woche vor dem Startschuss. Scheisse! Magen-Darm-Virus eingefangen oder einfach nur nervös? Keine Ahnung – auf alle Fälle hatte ich weder Energie noch Motivation um zu starten. Aber die Option „Aufgeben“ oder „Nicht-Starten“ stand gar nicht zur Diskussion. Nicht jetzt. Nochmals das ganze Gefühlschaos durchleben, wenn es doch in einer Woche vorbei sein könnte? Nein. Also langsam wieder Bananen essen, Bouillon trinken und positiv denken.

Und dann kam der Tag. Der Tag, auf den ich gefühlte tausend Jahre gezittert habe. Für den ich so Vieles entbehrt habe. Statt Ausschlafen an den Wochenenden einen Long-Jog planen. Keine Parties bis in die frühen Morgenstunden. Keinen Alkohol. So viele schlaflose Nächte mit bergigen Gedanken. So viele Kilometer in den Beinen aber vor Allem viele mentale Ups-and-Downs. Im Startblock 5 falle ich einer fremden Läuferin um den Hals, denn auch sie muss mit den Emotionen kämpfen. Wir lassen unseren Tränen freien Lauf und wünschen uns gutes Gelingen. Endlich… endlich starten… Und auf einmal ist mein ganzer Druck weg. Ich fühle mich frei. Ich fühle mich lebendig. Ich freue mich sogar…

Den Jungfrau-Marathon muss man sich etwa so vorstellen: Von Interlaken aus ca. 26 km relativ gerade aus bis nach Lauterbrunnen. Von da an steil aufwärts im Zick-Zack nach Wengen, weiter steil hoch bis auf den höchsten Punkt auf 2’205 Meter und dann die Siegesmeile am Schluss, die etwas bergab geht. Alles in Allem 1’800 Höhenmeter, was etwa 60 Leistungskilometer ausmacht. Ich hänge mich an den 6h-Pacemaker und kann so die wunderschöne Natur geniessen, kann mein Tempo sozusagen in fremde Hände legen. Die vielen Zuschauer am Strassenrand klatschen mir zu, motivieren mich und all die Helfer, an den Verpflegungsständen lachen mich an, wünschen mir Glück. Kinderhände werden abgeklatscht und ein paar Worte mit Zuschauern ausgetauscht. Sooo schlimm wie in meiner Vorstellung ist es doch gar nicht?

Bei Kilometer 25, kurz vor dem Anstieg in Wengen, löste ein Schlüsselmoment meine letzten Ängste. Eine andere Läuferin fragt mich, ob ich zum ersten mal dabei sei. Sie mache zum zweiten mal mit und möchte schneller sein wie beim letzten mal. Aber da ich ja zum ersten mal renne, könne ich ja nur gewinnen. Päng! Genau. Ich kann nur gewinnen! Das ist es! Was mache ich mir Sorgen? Ich kann nur gewinnen. Ich weiss, dass ich den Berg erzwingen kann. Ich bin ein Steinbock und liebe die Berge – ich freue mich auf den zweiten Teil. Der Puls kommt runter und ich wandere in einem zügigen Tempo nach Wengen. Ich fühle mich gut. Ich fühle mich wie eine Gewinnerin. Diese Worte lösen in mir pure Emotionen aus und das Adrenalin treibt mich über jedes Hinderniss. Keine mentalen Hänger, keine „verdammten Warums“. Egal mit welcher Zeit ich oben ankomme: Ich bin eine Gewinnerin. Auch auf der Moräne, bei windigen und eisigen 4 Grad und Läuferstopp (enge Wanderwege gepaart mit 5’000 Läufer passen irgendwie nicht zusammen) bin ich guten Mutes und freue mich einfach dabei zu sein.

Und dann… Kilometer 42… das Ziel kommt in genau 195 Meter… wieder übernehmen meine Emotionen meinen Körper. Die Tränen kullern über mein Gesicht. Ich kann es nicht glauben! Ich habe es geschafft! Sehe ich so aus, wie ich es mir vorgestellt habe? Ich hoffe, dass meine Augen auch so glänzen und ich vielleicht einen Zuschauer motivieren konnte, in drei Jahren mitzurennen. Finisher zu sein. Den Emotionen Platz machen. Dabei zu sein.

Sorry an meinen Mann, der mich wochenlang… nein monatelang ertragen musste, wie ich entweder depremiert, aggressiv, verzweifelt oder erschöpft in meinem Schneckenhaus meinen selbstauferlegten Druck selber probierte zu lösen… sorry an meine Kinder, die Einträge heimbrachten, da ich vergass Prüfungen zu unterschreiben… sorry an meine Freundinnen, mein Sozialleben glich einer einsamen Wölfin und sorry an meinen Osteopathen, der mich liebevoll immer wieder mental sowie körperlich auf den „neusten Stand“ brachte… und DANKE an meine Familie, Freunde, Kunden, die mich immer wieder aufmunterten, mir Mut zusprachen, an mich glaubten und mein Vorhaben unterstützten.

Und jetzt? Eine Woche nach dem Tag X… ich lebe wieder… ich mache, was ich Lust habe. Biken… Schwimmen… Rennen…. mhhhh ein kleiner Triathlon wäre eben schon cool… nächstes Jahr vielleicht… nur ein Kitzekleiner… etwas zum Anfangen… man darf ja noch Visionen haben…

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