Verzichten heisst entscheiden
Hamburg Marathon 2016
Der 17. April 2016 wurde bereits im Oktober rot in der Agenda angestrichen. Ich wagte mich nochmals an einen Marathon: 42.195 Kilometer joggend durch Hamburg. Nach meinen letzen zwei Marathons (2007 und 2012 in Zürich) habe ich mir geschworen, dass ich mich nie mehr an diese Distanz wage. Als sich vier Kunden für den Hamburg Marathon interessierten und ich die Organisation übernahm erschien mir die Option selber zu rennen jedoch verlockender anstatt als Zuschauer mitzufiebern und ohne Medaille heimzureisen.
Bereits im Januar mit einer gewissen Grundlagenausdauer zu starten war die Voraussetzung. Das hiess ab Herbst mindestens zwei Grundlagentrainings a 60 Minuten einzubauen. Da ich jedoch sowieso immer draussen am Rennen bin, war das das kleinste Übel!
Ab Januar trainierte ich nach Plan: bis Mitte April hatte ich 537 Kilometer in den Beinen. Darunter fielen unzählige 17km Runden um Bassersdorf, 23km um den Flughafen und drei mal eine 30km-Runde um Bassersdorf mit Schleife über Baltenswil. Und das bei Wind und Wetter, Regen und Schnee. Frei nach dem Motto: What doesn’t kill me makes me stronger.
Zentraler war aber die Tatsache, dass der Marathon omnipräsent war. Tägliche Entscheidungen wurden bewusst aber auch unbewusst vom Marathon gesteuert. Marathon ist eine Einstellung, ich fokussierte mich auf ein Ziel neben dem normalen Alltag. Ich wusste, dass jedes einzelne Training wichtig ist und eine konstante Regelmässigkeit das A und O ist.
Auch das soziale Umfeld wurde auf die Probe gestellt: Im Apéro die Spassbremse markieren, da zuviel Alkohol und zuwenig Schlaf nicht förderlich sind. Also halt um 12 Uhr heim statt erst dann, wenn die Nacht rosarote Ränder kriegt… Die feiernden Freunde können Dich nicht verstehen. Vieles wird dem grossen Ziel stillschweigend untergeordnet.
Doch Verzichten heisst Entscheiden. Sich entscheiden FÜR DEN MARATHON. Denn das Gefühl, mit 12’000 anderen Läufern morgens um 9 Uhr zu starten rührte mich zu Tränen. Ich sehe in die Augen der Läufer und weiss genau: hier gehörst du hin. Alle sind hungrig danach endlich loszulaufen. Ich bin ein Puzzleteil davon. Ich nehme die positive Energie am Start wahr, denn alle 12’000 Menschen haben ein gemeinsames Ziel. Genau das ist der Moment, an dem es sich gelohnt hat zu Verzichten.
Doch der Moment des Startschusses ist erst der Anfang eines unfassbar grossartigen Gefühlschaos der nächsten Stunden. Abwechslungsweise sprühe ich vor Energie, bin kaum zu bremsen und könnte die ganze Welt umarmen… einen Kilometer später bin ich nahe am Aufgeben. Verfluche die Idee und überlege, ob ich nicht einfach aufhören könnte. Es wäre so einfach. Die Startnummer abziehen und zurück ins Hotel. Aber ich gebe nicht auf. Ich bleibe dran. Ich kämpfe weiter.
Die vielen Zuschauer am Strassenrand feuern mich an. Tausend Kinderhände möchten abgeklatscht werden und die vielen Strassenbands und DJs haben extra für mich den grossen Verstärker aus dem Proberaum geholt um mich anzutreiben. Die Trottoirs wurden kurzerhand in Food-Meilen umgebaut und das Esszimmer unzähliger Familien in den Garten verlegt um live dabei zu sein, wenn ich vorbei renne. Wenn aus dem Ghetto-Blaster AC/DCs „Highway to Hell“ ertönt bringt mich das zum Lachen und wenn Andreas Bourani aus der fetten Box „Ein Hoch auf uns“ singt, dann läuft es mir kalt den Rücken runter. All die vielen selbstgebastelten Motivationsschilder mit Sprüchen wie „Kuchen gibts im Ziel“ oder „Der Schmerz vergeht – der Stolz bleibt“… genau in diesen Momenten spürte ich meinen Körper. Ich bin am Leben.
Den Zieleinlauf zu beschreiben ist wie einem Mann Geburtsschmerzen zu erklären. Nur wenn Du ihn erlebst, weisst Du, wie es sich anfühlt. Die Menschen auf dem letzten Kilometer jubeln mir zu, klatschen auf die Banden, die Strasse ist mit rotem Teppich belegt und der Speaker ruft meinen Namen auf. Der Zielbogen kommt näher und ich ziehe noch ein paar andere Läufer mit. Motiviere sie auf den letzten Metern und dann kommt der grosse Augenblick, bei dem ich die Ziellinie überquere. Es ist still in meinem Kopf. Nur ich und mein Körper. Ich habe es geschafft. 42.195 Kilometer.
War es wert, die letzten drei Monate auf Vieles zu verzichten? Ja, das war es. Mit Sicherheit. Denn was sind schon drei Monate in unserem Leben wenn man danach ein Leben lang stolz sein kann?
Übrigens: 42 Kilometer entspricht etwa der Strecke von Bassersdorf via Uster, Rapperswil über Seedamm nach Pfäffikon SZ.


